Lehramtsstudium: Nicht für die Schule, für die Stufe lernen wir

Bald sollen alle Lehrer gleich lang ausgebildet werden.

Wer aus einem mehrgliedrigen Schulsystem ein zweigliedriges macht, wie Baden-Württemberg, muss auch die Lehrerbildung reformieren. Die Vorschläge einer Kommission unter Vorsitz der früheren Berliner Bildungssenatorin Sybille Volkholz (Alternative Liste) liegen jetzt auf dem Tisch, noch vor der Sommerpause will die grün-rote Landesregierung die Eckpunkte für die künftige, bisher noch mit dem Staatsexamen endende Lehrerbildung beschließen. Doch vorher wird es noch gewaltigen Streit geben.

Baden-Württemberg ist das einzige Land, das seine Pädagogischen Hochschulen nicht geschlossen und in die Universitäten integriert hat. Bisher werden Lehrer für Grundschulen, Hauptschulen, Werkrealschulen, Realschulen sowie Sonderschulen an den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet, die sich in Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Ludwigsburg, Schwäbisch Gmünd und Weingarten befinden. Damit soll nach dem Willen der Kommission künftig Schluss sein. „Das Land Baden-Württemberg sollte überlegen, ob es längerfristig die Lehrerbildung der ersten Phase auf die Universitäten konzentriert und die Pädagogischen Hochschulen darin integriert.“ Damit wird sich auch der Südwesten die Probleme einhandeln, an denen die Lehrerbildung in anderen Bundesländern schon lange krankt.

Bislang studieren alle unterschiedlich lang

Noch studieren die Lehramtsstudenten unterschiedlich lang, Gymnasiallehrer zehn Semester, Sonderpädagogen neun Semester, Grund-, Werkreal-, Haupt- und Realschullehrer jeweils acht Semester und Musik- und Kunstlehrer an Gymnasien zwölf Semester. Künftig soll das Lehramtsstudium für alle Schularten zehn Semester lang sein (sechs Semester Bachelor und vier Semester Master). Das mag für die Grundschullehrer und die Gemeinschaftsschullehrer ein Gewinn sein, für die künstlerischen Fächer am Gymnasium aber ein Verlust. Baden-Württemberg hat in einem relativ unspezifischen Eingangstest im Computer versucht, die Eignungspotentiale der Studienanfänger für das Lehramt frühzeitig zu testen. Die Lehrerbildungskommission hält nichts von solchen Selbsterkundungstests, sondern rät dem Land stattdessen, auf eine hochwertige Aus- und Weiterbildung zu setzen.

Wichtig ist der Kommission eine engere Verknüpfung von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaft. Studien haben gezeigt, dass fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Wissen bei Lehramtsstudenten in hohem Maße korrelieren, eine Fachdidaktik ohne solide fachwissenschaftliche Grundlagen also nicht denkbar ist. Die forschungsstarken Fachwissenschaften finden sich zumeist an den Universitäten, allerdings sind sie keineswegs deckungsgleich mit Schulfächern, sie können die Fachdidaktik auch nicht ersetzen. So entwickeln sich das Forschungsgebiet Mathematik und das Schulfach Mathe immer weiter auseinander, Ähnliches ließe sich für andere Schulfächer belegen. Die Pädagogischen Hochschulen sind stark fachdidaktisch geprägt, die Fachdidaktik selbst ist an den baden-württembergischen Universitäten bisher unterentwickelt, sie ist weitgehend in der Lehre, nicht aber in der Forschung präsent. Zunehmend wird die Fachdidaktik von Lehrenden der Pädagogischen Hochschulen an die Universitäten importiert, in der gymnasialen Ausbildung sind es meist Lehrende aus der Schul- oder Seminarpraxis. Sie seien in Zukunft nicht überflüssig, stellt die Kommission fest, plädiert aber dafür, dass auch die Fachdidaktik künftig von Professoren getragen werden muss, die man derzeit eher an den Pädagogischen Hochschulen findet. Die Universität Tübingen mit den meisten Lehramtsstudenten wird eine Kooperation mit den Pädagogischen Hochschulen Ludwigsburg, Heidelberg und Freiburg aufbauen. Seit neuestem gibt es auch zwei strukturierte Promotionskollegs „Forschung und Nachwuchs“ (FuN) an den Pädagogischen Hochschulen in Freiburg und Heidelberg mit jeweils einer Juniorprofessur, um die Fachdidaktik einerseits und interdisziplinäre Schul- und Unterrichtsforschung andererseits zu stärken.

Die bildungswissenschaftlichen Anteile des Lehramtsstudiums ersetzen das bisherige erziehungswissenschaftliche Begleitstudium, was zumindest bei den Gymnasiallehrern auch in Baden-Württemberg reichlich schmalbrüstig ausfiel und nicht mit dem fachwissenschaftlichen Studium zusammenhing. Sie umfassen Lehr- und Lerntheorien, diagnostische Verfahren, didaktische Grundmodelle, entwicklungspsychologische Kenntnisse. Abgesehen davon, dass es in Baden-Württemberg überhaupt nur an zwei Standorten bildungswissenschaftliche Schwerpunkte gibt (Tübingen und Freiburg), fehlt es auch an der Verbindung von Fachwissenschaften, Fachdidaktik und Bildungswissenschaft. Das große Ziel des inklusiven Unterrichts, dem die Kommission völlig unkritisch folgt, weil sie wohl mit einer entsprechenden Vorgabe des Landes arbeitete, aber auch der Umgang mit immer heterogeneren Schülergruppen sind in den Augen der Kommissionsmitglieder nur mit intensivem bildungswissenschaftlichen Wissen zu bewältigen, doch woher nimmt sie die Hoffnung, dass dies in einem zehnsemestrigen Studium auch noch aufgebaut werden könnte? Zu den besonderen Problemen des Landes gehört eine zu große Zahl Leistungsschwacher. Laut Pisa überschreiten 20 Prozent der 15 Jahre alten baden-württembergischen Jugendlichen nicht die unterste Kompetenzstufe im Lesen, in Hauptschulen sogar die Hälfte. Um die unterschiedlichen Leistungsgruppen gezielter zu fördern, müsse eine forschungsfähige Bildungswissenschaft aufgebaut werden, fordert die Kommission.

Grundschullehrer (mit den Pflichtfächern Deutsch und Mathematik sowie einem dritten Studienschwerpunkt) sollen in Baden-Württemberg weiter an den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden, einen Bachelorstudiengang für das schulformübergreifende Lehramt für die Sekundarstufe I und II soll es an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten geben, wenn eine hochschulübergreifend institutionalisierte Kooperation von mindestens einer Universität mit einer Pädagogischen Hochschule eingerichtet wird. Der Master für die Sekundarstufe I/II soll als hochschulübergreifende Kooperation im Rahmen von Professional Schools of Education organisiert werden. Der Studiengang berufliche Schulen soll an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen angeboten werden.

Studiengang Sonderpädagogik soll verschwinden

Fragwürdig ist die Abschaffung des eigenständigen Studiengangs „Lehramt Sonderpädagogik“, obwohl die Kommission selbst feststellt, dass allgemeinbildende Schulen in nächster Zukunft auf die Expertise von Sonderpädagogen angewiesen sein werden. Stattdessen soll es einen Studienschwerpunkt „Sonderpädagogik“ für das Lehramt an Grundschulen, an Sekundarschulen und das berufliche Lehramt geben. Er umfasst Unterrichtsfächer, Bildungswissenschaften, Deutsch als Zweitsprache und eine sonderpädagogische Grundqualifikation. Ähnlich wie in anderen Bundesländern hält die Kommission eine Integration von Schülern mit Förderschwerpunkt Lernen, sozial-emotionale Entwicklung und Sprache (bei 69 Prozent der förderbedürftigen Schüler findet sich einer der drei) im Primar- und Sekundarbereich für möglich. Für alle übrigen Förderbereiche sollen Schwerpunktschulen eingerichtet werden, wie das in einem Flächenland möglich sein soll, bleibt offen. Die Frage ist auch, woher die Lehrer für die übrigen Förderschwerpunkte kommen sollen, wenn die sonderpädagogische Grundausbildung sich doch im Wesentlichen mit den drei wichtigsten Förderschwerpunkten befassen wird. Eine Ausbildung für die Werkrealschule soll nach Auffassung der Kooperation so konzipiert sein, dass sie auch für die Gemeinschaftsschule geeignet ist.

“Für das Gymnasium bedeutet dies die Öffnung zur Kooperation mit der Gemeinschaftsschule zum besseren Umgang mit Heterogenität und individueller Förderung“, lautet das Fazit, das nichts Gutes für die Gymnasien verheißt. Denn ein eigenes Lehramt an Gymnasien wird es ja künftig nicht mehr geben. Dass dafür ausgerechnet die Bildungswissenschaftler sorgen, die bisher die Fachlichkeit der Gymnasiallehrer über den grünen Klee lobten, erscheint bemerkenswert. Der baden-württembergische Philologenverband hört deshalb das Totenglöcklein der Gymnasien läuten. Die steile Feststellung der Kommission, dass sich die „Ansprüche an die Qualifikation von Lehrkräften in gymnasialen und nicht-gymnasialen Bildungsgängen nicht grundlegend unterscheiden“, zeigt, wohin die Reise geht. Soll das eigentlich auch für die alten Sprachen gelten? Wo und wie sollen sie künftig studiert werden? Sollen Gemeinschaftsschulen künftig Latein anbieten, wenn sie eine gymnasiale Oberstufe haben, oder ist langfristig nichts anderes als die Abschaffung des Gymnasiums geplant? Sollte das Land die Eckpunkte so beschließen, wird sich das Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Gemeinschaftsschule, das Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gerade noch einmal propagiert hat, als Besänftigungsstrategie für besorgte Gymnasialeltern entpuppen. Denn künftig wird es auch in Baden-Württemberg nur noch Stufenlehrer geben. Das sollten die Gymnasialeltern jetzt realisieren.

Artikel-Quelle:

www.faz.net

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