Skikurs im Erwachsenenalter: Das fängt ja gut an

Sie Anfänger! Der Weg vom Versuchskaninchen zum Skihasen ist kein leichter, und Pisten, die mit der Farbe Schwarz gekennzeichnet sind, sollte man vorerst meiden.

Weißes Kuschelfell, ein Paar lange Ohren, Kulleraugen. Auf den ersten Blick habe ich nichts mit dieser Kreuzung aus Eisbär Knut und Osterhase gemein. „Snowli“ nennen sie ihn, den Plüschgenossen, mit dem die Kleinsten gerade auf dem Spielplatz im Schnee herumkaspern. „Es nimmt ihnen die Angst, wenn sie ihre ersten Gehversuche auf Skiern ohne ihre Eltern machen“, erklärt Skilehrer Benjamin Jossen, warum Kollegen immer mal wieder ins Kostüm schlüpfen. Seine erwachsenen Schützlinge vertrauen dagegen auf die offizielle Kluft, in autoritärem Rot mit weißen Sternchen schickt er die Holländerinnen Maria und Rieneke und mich auf den Übungshang: „Ladys, jetzt seid ihr dran.“

Vor diesem Schritt ist mir ganz bang, und kein Kuscheltier könnte helfen. Dabei ähneln die Geschichten, die man Kindern in Schweizer Skigebieten über jenes außerirdische Langohr erzählt, das auf der Erde im Schnee landet und im Traum das Skifahren lernt, durchaus meinen Erlebnissen. Wie Snowli bin ich ein Alien – gut getarnt mit Sonnencreme, Helm und reichlich Kälteschutz, doch fremd in einer Welt zwischen Geschwindigkeitsrausch und Knochenbruch, deren Skala keine Nuancen kennt. Es gibt blaue und rote Pisten, die anspruchsvollsten sind schwarz; Dunkelblau, das mich vor tückischen Teilstrecken warnen würde, existiert leider nur im Scherz.

Kein Mensch erlernt das Skifahren träumend

Fremd, weil ich die von Einheimischen belächelten Ziehwege als Herausforderung empfinde. Und obwohl ich nicht weiß, was mich mehr schreckt – sanftes Gefälle oder der Vergleich mit den Könnern -, stelle ich mich dem Experiment: Kann ein Versuchkaninchen in einer Woche zum Skihasen reifen, wenn es sich zwar mühelos im urbanen Liniennetz zurechtfindet, aber sich vor einem Tellerlift fürchtet? Wenn es Kopfsteinpflaster leichtfüßiger auf Highheels quert als in Skischuhen die kurze Strecke zwischen Hotel und Bergbahn?

In einem Land, in dem Geschichten über Außerirdische kursieren, damit schon Fünfjährige unerschrocken über schwarze Pisten flitzen, sind Wesen, die sich mit 40 plus erstmals auf die Bretter wagen, selten. Dass es gerade in der Schweiz dennoch klappen könnte, sicher und mit Würde durch das Weiß zu gleiten, ist die leise Hoffnung, die mich hierher ins Wallis lockte. Auf die Belalp. Was der Name verspricht, kann die Landschaft mit sagenhaft verschneiten Hängen nebst Unesco-Welterbe in Gletscherform noch übertrumpfen. Hielte sich der Muskelkater nicht hartnäckig in Händen, Schultern oder Oberschenkeln, ich wähnte mich in einem wahr gewordenen Wintermärchen. In einem von der lieblichen Sorte: mit erfahrenen Lehrmeistern, hilfsbereiten Herbergsleuten, etlichen Zwergen, einem Dorfältesten und seinen Zauberschafen.

Weil jedoch kein Mensch träumend das Skifahren erlernt, bleiben mir Momente des Horrors nicht erspart. Ich schwitze Blut und Wasser, als wir zur Übung einen Buckel erklimmen sollen, stehe mit der Innenkante auf Kriegsfuß. Wer kann ahnen, dass sich der Begriff nicht auf die eigene Körperachse bezieht, sondern nun „der Berg“ bestimmt? Diese Welt aus Eis und Schnee verlangt Muskeln, Technik und eine eigene Sprache, die eben erst noch zu verstehen ist.

Après-Ski sucht man hier vergeblich

Niemals zuvor hatte ich mich auf Riesenlatten eine Loipe entlanggeschoben oder irgendwelche Hügel hinuntergestürzt. Als Kind ging ich liebend gern zum Rodeln und Eislaufen, aber Skifahren? „Großer Spaß“, sagten alle, mir war das entschieden zu viel Bohei. Wo blieb der Naturschutz? Andererseits gab es Augenblicke, in denen ich schmerzlich bedauerte, nicht Ski fahren zu können, und mit jedem milden Winter in der Stadt wuchs die Sehnsucht nach Schnee. Während zuletzt sogar Schneeglöckchen neben Rosen und Lavendel in den Vorgärten blühten, reifte mein Plan: Ich wollte es wenigstens einmal probieren. So richtig. An einem frostigen Sonntag landete ich schließlich in Blatten ob Naters und marschierte zum Büro der Skischule, um meine telefonische Anmeldung zu bestätigen. Philipp Zehnder, stellvertretender Leiter und seit 25 Jahren selbst Skilehrer, machte mir Mut, gerade mit den neuen Skiern sei es kein Problem. „Das klappt schon.“ Nichts anderes hatten Freunde gesagt, die mit mir zum Yoga gehen. „Du bist doch fit und beweglich.“ Sonnengruß hin, prima Haltung her: Wenn man noch nie auf den Brettern gestanden ist, kostet das Debüt enorme Überwindung.

Nicht die bitterkalten Temperaturen lassen Zweifel aufkommen. Schlimmer ist das Unbehagen, das mich morgens überfällt, sobald wir uns zu Dutzenden aus der Gondel drängen. Das dumpfe Stapfen, bevor die anderen ihre Bretter unterschnallen und zum Lift oder Skikurs gleiten, hallt in meinem Magen bedrohlich nach. Ich folge der Herde und verharre. 2094 Meter über dem Meeresspiegel empfängt uns das Zwitschern der Bergdohlen bei strahlendem Sonnenschein. Alles scheint so klar. Wie kann es etwas Schöneres geben, als in dieser grandiosen Bergkulisse Ski zu fahren? Mit knirschenden Schritten, die gemietete Ausrüstung geschultert, mache ich mich auf zum Sammelplatz der Skischule. 200 Schüler stehen da, in allen Größen und erdenklichen Farbkombinationen. Lila, heißt es, sei der letzte Versuch. Ich trage offensiv Flieder.

Im Gegensatz zu Zermatt, der „Freien Ferienrepublik“ Saas-Fee oder dem nah gelegenen Konglomerat aus Rieder- und Bettmeralp ist dieses Walliser Skigebiet oberhalb von Brig wenig bekannt. Von Zürich aus braucht man knapp zweieinhalb Stunden mit Bahn und Bus, um sich hier ganz dem Winter hinzugeben. Im Bergdorf Blatten ist Endstation, hinauf zur Belalp führen Wanderwege und die Gondeln der Seilbahn. Après-Ski sucht man hier vergeblich. Hier finden eher Wintersportler wie jene, die mit dem Lift bis auf 3112 Meter zum Fels des Hohstock vordringen und die Tunnelroute abseits wählen, ihr Glück.

Ein schöner Hang mit leichter Neigung

Nichts für Anfängerinnen. Trotzdem müssen wir bei den Touren nicht auf große Gipfel verzichten: Da ist das Matterhorn, natürlich, außerdem Dufourspitze, Dom, Alphubel und das Weißhorn. Mit jedem Kurstag fällt es leichter, mehr als nur den einen markanten Zipfel im Panorama zu erkennen. Für Benny Jossen – Skilehrer, Bergführer und Lokalpatriot – ist es eine Herzensangelegenheit, seinen „Ladys“ neben der Skipraxis wenigstens rudimentäres Wissen über die Region zu vermitteln. Nicht jeder Witz gelingt, doch seine Sprüche lockern die Stimmung und kaschieren zugleich, mit welcher Zielstrebigkeit der 50-jährige Profi uns Debütantinnen bereits am zweiten Tag auf die Piste führt. Im Pflug.

Vor mir folgen ihm Maria und Rieneke. Und jede von uns kämpft grätschend auf ihre Weise: Gegen die Schwerkraft, die Kälte, eine beschlagene Brille, müde Muskeln, den einen oder anderen Liftbügel, und vor allem gegen das Unvermögen, zwei rutschende Bretter zu kontrollieren. Ganz zu schweigen von der Angst, die vom Kopf in die Glieder fährt, wenn es plötzlich schnell wird. Lehrmeister Benny fährt rückwärts voraus: „Komm nur, es passiert nichts. Langsam in die Falllinie, ja, noch weiter aufmachen. Jetzt mit dem Arm die Richtung vorgeben, aber auch hinschauen, drehen …“ Kaum gehorchen die Skier dem Körper, spielt der Geist mit einem kühnen Gedanken: Sieben Pistenkilometer führen von der Skischule runter ins Dorf, die will ich am Ende der Woche alleine bezwingen. Also weiter.

Den Kindern wird berichtet, wie Snowli einen schönen Hang mit leichter Neigung findet, zu fahren beginnt, schneller wird und nicht mehr bremsen kann. Mir sind solche Szenen bald vertraut. Mal gelingt es, die Steigung im Zickzack zu bewältigen oder mit weit auseinander gedrückten Fersen die Fahrt zu stoppen. Hin und wieder lande ich einfach auf dem Hintern. Froh, dass sich keine Massen auf der sonnigen Belalp tummeln, denen ich im Weg liege. Frustriert, weil Knirpse nonchalant an mir vorbeischlittern. Sie müssen sich nicht um die Macht der Erdanziehung kümmern, stemmen sich auf kurzen Beinen einfach dagegen. Und ich komme kaum hoch, verflixt.

„Den japanischen Minister begrüßen“

Die Rolle des Pinguins, der dem Bilderbuch-Hasen zur Seite steht, übernimmt in diesen Fällen Benny, dem nicht verborgen bleibt, dass der Schreck tief in den Knochen sitzt oder die Kraft nachlässt und seine Gruppe eine Pause braucht. Er weiß zu fordern, ohne die Grenzen auszureizen. „Zeit für einen Kaffee. Hinter der nächsten Kuppe ist ein Bergrestaurant, das schafft ihr noch.“ Mir hilft er, ewig lächelnd, auf: „Nur nicht aufgeben, das war schon recht gut.“

Selig sitzen wir dann im Warmen, essen Sandwiches, und Maria massiert sich ihre eisigen Zehen. Würde sie mich nach Socken fragen, ich hätte einen heißen Tipp. Könnte fachkundig erklären, warum ich sündhaft teure Firstlayer in Schreifarben trage und wo Merinowolle den Kunstfasern überlegen ist. Theoretisch könnte ich locker darüber hinwegtäuschen, dass ich in eine völlig neue Welt gestolpert bin. Mit Worten kommt man in der Skischule allerdings nicht weit. Die Videoaufnahmen, anhand derer uns Benny die Fehler erklärt, beweisen: Ich bin zu Beginn ziemlich verkrampft. „Die Anfängerstufe ist besonders dankbar, weil sich die Fortschritte sehr schnell zeigen. Ihr merkt ja, wie es von Tag zu Tag besser geht.“ Das sagt einer, der Ski fährt, seit er laufen kann, normalerweise die Besten trainiert und als Technischer Leiter auch die Kollegen im Blick hat, die er regelmäßig weiterbildet. Nun uns drei spät berufene Talente.

Maria und Rieneke sind nicht ganz so blutige Anfängerinnen, noch dazu zehn Jahre jünger. Durch sie erliege ich nicht der Versuchung, den Kurs gleich nach der ersten Einheit abzubrechen, ein Glück, denn selbst als Schlusslicht macht es in der Gruppe Spaß, „den japanischen Minister zu begrüßen“. Mit dieser Formel bringt uns Benny die gehockte Haltung bei, in der man elegant nach rechts oder links gleitet – wird sie sauber ausgeführt. Seine Kommandos helfen. Auch auf der Piste. „Alleine komme ich hier noch nicht runter“, muss Rieneke, die Gruppenbeste, nach drei Tagen am Hang zugeben. Sie und ihre Schwägerin verlängern, begleiten mich bis zum Ende des Selbstversuches im Schnee.

Das Alien kann getrost die Talabfahrt antreten

Wenn Schweiß nichts als Schwäche ist, die den Körper verlässt, wie es in meinem Fitnessstudio auf einem Poster steht, dann formen diese Stunden Muskeln aus Stahl. Dank Yoga schlage ich mich wacker, gewinne an Sicherheit und hole den Vorsprung der Holländerinnen auf. Beinahe. Unbewusst entwickelt sich auch ein Gefühl für die klobige Fußbekleidung. Die Stiefel setze ich stärker ein, Arme und Beine bewegen sich fließender; manchmal gelingt sogar ein dynamischer Richtungswechsel. Cool. So furchtsam zu Anfang, so begeistert bin ich am letzten Tag. Nicht einmal die schwarze Markierung neben der Piste kann mich entmutigen, als Philipp Zehnder, der für Benny einspringt, uns freitags zum „Aletschbord“ lotst.

Wir rutschen zwar mehr auf den Aussichtspunkt zu, als dass wir fahren, aber das mindert nicht unseren Stolz. Geschafft! Und das Alien kann getrost die Talabfahrt antreten: Ich steige in keine Gondel mehr, für mich geht’s jetzt in Serpentinen hinab durch den verschneiten Fichtenwald.

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