Spätes Studium: Neuanfang mit vierzig

Norbert Zachenhuber arbeitet hart daran, einen alten Traum wahr werden zu lassen. „Ich wollte immer schon ein Studium absolvieren, musste dieses Ziel aber immer wieder verschieben“, sagt der 50 Jahre alte Münchener. Nach dem Realschulabschluss war Zachenhuber gezwungen zu arbeiten, weil er das Geld brauchte. Er ließ sich zum Werkzeugmacher ausbilden und bestand auch die Meisterprüfung. Und dann musste er nebenbei erst sein Fachabitur nachholen, ehe er studieren durfte; zuvor hatte er noch im Vertrieb gearbeitet, und jetzt ist er, zusätzlich zum Studium, im Außendienst tätig.

Mit 47 Jahren gab sich Norbert Zachenhuber einen Ruck: „Ich sagte mir, bevor ich 50 werde, muss es passieren.“ Ende dieses Jahres wird der Berater für Medizinprodukte sein Studium der Business Administration an der FOM Hochschule in Essen abschließen. Immer mehr Arbeitnehmer in Deutschland machen es so und beschließen im fortgeschrittenen Alter, ein Studium aufzunehmen. „Wir stehen ganz am Anfang dieser Entwicklung, der Trend zum Studieren ab 40 wird noch deutlich zunehmen“, schätzt Lutz Hoffmann, Professor an der FOM Hochschule, der die Gruppe der Studierenden jenseits des 40. Lebensalters derzeit untersucht. Die demographische Entwicklung und die zunehmenden Schwierigkeiten von Arbeitgebern, junge Fachkräfte zu rekrutieren, lassen laut Hoffmann – dessen Arbeitgeber von diesem Trend freilich profitiert – aus Sicht der Arbeitgeber die Attraktivität älterer Arbeitnehmer, die sich mit einem Studium weiterbilden, steigen. „Derzeit liegt der Anteil der Studierenden, die 40 Jahre und älter sind, an berufsbegleitenden Hochschulen bei schätzungsweise einem Prozent. Doch in den kommenden zehn Jahren könnte dieser Wert auf 5 bis 10 Prozent ansteigen“, meint Hoffmann.

Ü-40-Studenten können für die Dozenten unangenehm sein

Seine Karriere hatte Norbert Zachenhuber aber gar nicht im Sinn, als er sich noch mit Ende 40 für ein Studium entschied. „Primär geht es mir darum, etwas nachzuholen, was ich mir vor langer Zeit in den Kopf gesetzt habe“, sagt der Außendienst-Mitarbeiter. Dass Studierende in diesem Alter mit anderer Motivation an eine Hochschule kommen, als ihre 20 Jahre jüngeren Kommilitonen direkt nach dem Abitur, bestätigt der Forscher Lutz Hoffmann. Sie seien weniger karriereorientiert und stellten mehr grundsätzliche Fragen, wollten große Zusammenhänge verstehen. Zugleich sei ihnen wichtig, das Wissen im Alltag umsetzen zu können. So können die „Ü 40“-Studenten unbequem für die Dozenten sein, andererseits bringt auch für sie das Studium Schwierigkeiten mit sich. Ältere Studierende verfügen etwa oft nicht über Lerntechniken, die heute an Hochschulen gefragt sind: „Ich bin beeindruckt, wie gut die Jüngeren auswendig lernen können“, berichtet Norbert Zachenhuber. Auch seine Mathematikkenntnisse musste er auffrischen, um Vorlesungen folgen zu können.

Die Hochschulen müssen sich umstellen. Sie sollten angesichts der neuen Studentengruppe ihr Service-Angebot neu sortieren, fordert Katharina Mahrt, Vorstandsmitglied im Freien Zusammenschluss der Studentinneschaften in Deutschland (FZS). „Lehrende und Verwaltung müssen sich vom klassischen Bild des Studierenden, welcher sich ausschließlich dem Studium widmen kann und keine weiteren Verpflichtungen wie Erwerbstätigkeit oder Familie hat, lösen und lernen, mit mehr Verständnis auf die individuellen Lebensumstände der Studierenden besser einzugehen.“ Dabei solle das lebenslange Lernen der Selbstverwirklichung und dem Stillen des Wissensdurstes dienen, „nicht der Anpassung an den sogenannten Markt“, betont Mahrt. Zu den zusätzlichen Angeboten für Studierende ab 40 zählen auch Kurse zur Auffrischung von Problemfächern wie Mathematik oder Fremdsprachen. Aber auch das Informationsangebot vieler Hochschulen sollte überarbeitet werden. Die Zielgruppe „40 plus“ solle, fordert der Professor Lutz Hoffmann, mit eigenen Infoveranstaltungen angesprochen werden.

Bei der Studienberatungs-Hotline der Goethe-Universität in Frankfurt am Main werden Anrufer zunächst auf das Sonderprogramm „Studieren im dritten Lebensalter“ verwiesen, das Veranstaltungen verschiedener Fachbereiche thematisch zusammenfasst, aber keinen eigenen Studienabschluss bietet. Grundsätzlich gelten für alle Bewerber die gleichen Zugangsbeschränkungen – unabhängig vom Alter. „Offiziell gibt es keine Altersgrenze, aber wenn jemand über 60 ist, kann es schon mal sein, dass wir anrufen und nach der Studienmotivation fragen“, teil die Studienberatung der Goethe-Universität mit.

Im Bundesausbildungsförderungsgesetzes (Bafög) hingegen ist eine Altersgrenze fest verankert: Wer älter als 35 Jahre ist, kann grundsätzlich keine finanzielle Förderung seines Studiums beim Bund beantragen. Es gibt Forderungen, dass diese Grenze nach oben verlegt werden soll. „Es kann nicht sein, dass Ältere zum Sozialfall werden, weil sie aus der BAfög-Förderung fallen“, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes. „Deshalb fordern wir seit langem eine entsprechende Bafög-Nivellierung.“

Lohnenswert auch für den Arbeitgeber

Wirtschaft und Politik begrüßen den Trend zu immer mehr Studierenden auch aus höheren Altersgruppen angesichts des Fachkräftemangels, den Arbeitsmarktforscher seit Jahren prognostizieren. „Lebenslanges Lernen lohnt sich für Arbeitnehmer und Arbeitgeber“, sagt auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Weiterbildung sei der Schlüssel für die Innovationsfähigkeit von Unternehmen, und Deutschland profitiere davon, dass man mit der Weiterbildungsbeteiligung weit über dem EU-Durchschnitt liege. Dass gegen diesen Trend nichts einzuwenden sei, sagt Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbandes. „Doch die Hochschulen müssen auch in die Lage versetzt werden, ihm mit einem breiteren Service-Angebot und mehr Personal zu begegnen.“ Dass die Betreuungsrelationen an deutschen Hochschulen derzeit bei einem Dozenten für 63 Studierende stagniere, helfe nicht unbedingt bei der Umstellung auf zusätzlich mehr Studierende jenseits des 40. Lebensalters.

Zehn bis zwanzig Stunden pro Woche wendet Norbert Zachenhuber neben seinem Job für das Studium auf. „Neun Stunden für Vorlesungen jeden Freitag und Samstag sind fix, der Rest geht für eigenständiges Lernen drauf“, berichtet der Student. Für ihn sind nur zwei Fragen für ein spätes Studium von entscheidender Bedeutung: „Einmal muss geklärt sein, ob man es finanziell, familiär und zeitlich packt. Und dann sollte man sich fragen, ob man Freude daran hat.“

  • Es gelten die gleichen Zugangsvoraussetzungen wie für jüngere Studierende. Offizielle Altersgrenzen existieren an deutschen Hochschulen nicht.
  • Bislang gibt es keine ausreichenden Info-Portale für ältere, berufsbegleitende Studierende. Interessenten müssen im Netz recherchieren und einzelne Hochschulen direkt ansprechen.
  • Die Qualität einer Hochschule kann daran gemessen werden, ob Methodenseminare zu Recherche und Informationsselektion angeboten werden. Auch Auffrischungskurse zu Mathematik oder Fremdsprachen oder Mentoring-Programme zählen zu Zusatzangeboten für Ältere.
  • Menschen im Alter von mehr als 35 Jahren fallen nicht mehr unter das Bafög und können keine staatliche finanzielle Unterstützung für ihre Weiterbildung beantragen.
  • 40 Prozent des Zeitaufwandes für ein berufsbegleitendes Studium fallen in der Regel für Präsenzveranstaltungen an, 60 Prozent für Eigenleistungen. In der Woche muss man mit bis zu 20 Stunden Mehraufwand rechnen.

 

Erstmalig veröffentlicht auf:

http://www.faz.net

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